Der Malocher-Mythos hält nur für zwei Schalker Jahrzehnte
Das Klischee vom rustikalen Schalker Malocher-Fußball trifft nur auf die 80er und die Euro-Fighter der 90er zu — sonst ist es Unsinn.
Der Ruhrpott steht für rustikalen Fußball nach Malocherart und Schalke ist das besondere Symbol dieses Malocherfußballs. Erst ackern, dann Hacke, Spitze, Eins-Zwei-Drei. Das ist Unsinn. Es mag stimmen für die Dekade des Schalker Rumpelfußballs in den 80-er Jahren des letzten Jahrtausends oder auch für die Euro-Fighter der 90-er Jahre.
Der Schalker Kreisel: Tiki-Taka aus dem Ruhrgebiet der 1930er
Zwischen 1934 und 1942 spielte S04 ein filigranes Kurzpassspiel nach schottischem Vorbild — eine Innovation, die bis zur Meisterschaft 1958 nachwirkt.
Doch was wenige wissen: es stimmt nicht für die erfolgreichsten Phasen von S04 vor der Einführung der Bundesliga. Zwar ist der Begriff „Schalker Kreisel“ hinlänglich bekannt, doch dass es sich hierbei um ein filigranes Kurzpassspiel, um eine Art frühes Tiki-Taka nach Ruhrpott-Style handelt, welches ganz und gar nicht der „Kick and Rush“ Malocher-Attitüde des Ruhrgebiets entspricht, wird gerne übersehen. Obwohl die Protagonisten des Kreisels dieses immer offen formuliert haben.
„Wir haben immer gesagt, der Ball muss laufen. Unser Spiel lief hinterher fast maschinenmäßig - wie eine Uhr“, erklärt Ernst Kuzorra, der mit seinem Schwager Fritz Szepan und der S04 Mannschaft der 30-er und frühen 40-er Jahre die Zuschauer zum Staunen und die Experten zum Schwärmen bringt. Das an das schottische Kurzpass-Spiel (ja genau!!!) angelegte System des FC Schalke 04 aus der größten Ära der Klubhistorie zwischen 1934 und 1942 ist eine fußballerische Innovation und prägt auch die Mannschaft, die die bislang letzte Deutsche Meisterschaft für S04 im Jahr 1958 erringt.
Pöhler statt Holzfäller: warum Bernie Klodts Meister 1958 anders tickte
Auch das Meisterteam 1958 lebte laut Willi Koslowski von Ballzirkulation — der Ruhrgebiets-Pöhler ist technisch versiert, kein harter Holzfäller.
Das Meisterteam-Team um Bernie Klodt lebt ebenfalls mehr von der Ballzirkulation als von der Maloche kantiger Kerle, wie der Autor Christoph Biermann in seinem Buch „Wenn wir vom Fußball träumen“ zu berichten weiß. „Bergleute, Stahlwerke, das war harte Arbeit, daher kam der Glaube, hier werde auch verbissen und hart gespielt“, erzählt der Meisterspieler Willi Koslowski dem Autor. Doch dem ist nicht so.
Und das ist auch in der Tradition des Ruhrgebietsfußballs tief verankert. Denn da gibt es sowohl den „Pöhler“ als auch den „Fummler“. Während in Nordwestdeutschland ein Pöhler Bälle lang und weit nach vorne „pöhlt“ und den Fußballer mit dem härtesten (unkontrollierten) Schuss verkörpert, gilt der Pöhler im Ruhrgebiet als hoch angesehener Straßenfußballer, der durchaus mit allen technischen Fähigkeiten ausgestattet ist, sich aber voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellt.
Anders als der „Fummler“, der aus dem (hart und ehrlich arbeitenden) Kicker-Kollektiv heraussticht, aber als eigensinniger Schönspieler verschrien ist.
Schalke gegen BVB: Die Mutter aller Derbys begann 1925 mit 4:2
Das erste Revierderby endete im Mai 1925 mit einem klaren 4:2 für Schalke — der BVB spielte damals in der Kreisklasse Dortmund-Herne.
Die größte Fußballfeindschaft Deutschlands ist die zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund. Das ist Allgemeinwissen. Weniger bekannt ist jedoch, dass diese Feindschaft eine relativ neue ist – ohne überragend lange Tradition.
Sie besteht jedenfalls nicht vor dem Zweiten Weltkrieg. Dafür gibt es auch keinen Grund. Denn zu unbedeutend ist der BVB und zu dominant S04. Die Geschichte der „Mutter aller Fußballspiele“ im Revier beginnt mit einem 4:2. Der FC Schalke 04 besiegt Borussia Dortmund im Mai 1925 klar und deutlich – und niemand wundert sich.
Der BVB krebst zu dieser Zeit in der „Kreisklasse Dortmund-Herne“ herum, Schalke ist der dominierende Westverein und wird neun Jahre später erstmals deutscher Meister.
Wendepunkte 1943, 1947, 1956: Wie der BVB Schalke im Revier ablöste
Aus tiefer Sympathie wurde Rivalität: 1943 erster BVB-Sieg durch August Lenz, 1947 Westfalenmeister, 1956/57 deutsche Meister — Schalke verlor die Vormacht.
Auf dem Rückweg von Berlin stoppt die Reichsbahn 35 Kilometer vor Gelsenkirchen. In offenen Autos fahren die Schalker Spieler durch die Dortmunder Innenstadt, werden von einer Menschenmenge umjubelt und tragen sich als erste Fußballmannschaft ins goldene Buch der Stadt Dortmund ein. Man glaubt es nicht, aber: „Es herrschte eine tiefe Sympathie zwischen beiden Vereinen“, so drückt es der ehemalige BVB-Sprecher und spätere Archivar, Gerd Kolbe aus.
Tiefe Sympathie? Nicht für immer. Die Wendepunkte im Verhältnis der beiden Vereine markieren die Jahre 1943, 1947 und die 50-er Jahre.
Im November 1943 gibt es nach bis dahin reihenweise „Packungen“ den ersten Sieg des BVB über den bislang dominierenden Rivalen, der erste Nationalspieler des BVB namens August Lenz schießt das 1:0-Siegtor. Nach Kriegsende entwickelt sich der BVB endgültig zum ernstzunehmenden Kontrahenten von Schalke 04. Bereits die erste Partie nach Kriegsende kann Borussia Dortmund für sich entscheiden und wird 1947 durch einen 3:2-Erfolg Westfalenmeister. Es folgt die Wachablösung in der Ära der Oberliga West und die beiden deutschen Fußballmeisterschaften des BVB in den Jahren 1956 und 1957. Zwar kontert Schalke 1958 und wird nochmals deutscher Meister, doch nach einer Schwächephase in den 70-er Jahren löst der BVB in der Folgezeit den Revier-Rivalen als Nummer 1 im Pott ab.
Drei Pokalsiegen des S04 stehen fünf Meisterschaften und der Gewinn der Champions-League beim BVB gegenüber. Die große Fußballfeindschaft zwischen Blau-Weiss und Schwarz-Gelb entwickelt sich erst in der Bundesliga, gespeist vom gegenseitigen Neid auf die Erfolge des anderen.
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Frage 1 von 6
Vom Bundesliga-Dauergast zum Zweitligisten
Der Absturz des FC Schalke 04 zwischen 2020 und 2023 ist eine der dramatischsten Geschichten in der Geschichte der Bundesliga.
Der Schalker Absturz 2020–2023: ein Großklub zerlegt sich in drei Jahren
160.000 Mitglieder, 62.271 Plätze, eine der leidenschaftlichsten Fanszenen Europas — und trotzdem der dramatischste Absturz der Bundesliga-Geschichte.
Ein Verein mit 160.000 Mitgliedern, einem Stadion für 62.271 Zuschauer und einer der leidenschaftlichsten Fangemeinden Europas zerlegt sich in nur drei Jahren. Es beginnt mit einer beispiellosen Negativserie: Ab dem 17. Spieltag der Saison 2019/20 gewinnt Schalke kein Bundesliga-Spiel mehr. Die Serie zieht sich über das Saisonende hinaus in die Saison 2020/21. Am Ende stehen 30 Bundesliga-Spiele ohne Sieg — ein Bundesliga-Negativrekord, der den bisherigen „Rekord" von Tasmania Berlin aus der Saison 1965/66 pulverisiert.
Am 33. Spieltag der Saison 2020/21 steht der Abstieg fest. Nach 30 Jahren ununterbrochener Erstklassigkeit ist Schalke 04 Zweitligist.
Aufstieg 2022, Abstieg 2023: Der schnellste Bundesliga-Rückfall
Mike Büskens und Simon Terodde führen Schalke 2022 zurück in die Bundesliga — ein Jahr später folgt mit 18 Punkten der direkte Wiederabstieg.
In der 2. Bundesliga gelingt unter Mike Büskens und mit Simon Terodde als Torgarant der sofortige Wiederaufstieg 2022. Die Euphorie ist grenzenlos. Doch sie hält nur eine Saison. 2022/23 steigt Schalke als Tabellenletzter der Bundesliga mit nur 18 Punkten sofort wieder ab.
Es ist der schnellste Wiederabstieg nach einem Aufstieg in der jüngeren Bundesliga-Geschichte. Seitdem spielt Schalke in der 2. Bundesliga — und ein Aufstieg ist bis 2026 nicht in Sicht.
200 Millionen Euro Schulden und der Trainer-Verschleiß auf Schalke
Über 200 Millionen Euro Schulden, ausgedünnter Kader und ein atemberaubender Trainer-Verschleiß von Manuel Baum bis Karel Geraerts.
Die Schulden des Vereins belaufen sich auf über 200 Millionen Euro. Der Kader ist ausgedünnt, die Strukturen erschüttert. Der Trainer-Verschleiß in dieser Phase ist atemberaubend: Manuel Baum, Christian Gross, Dimitrios Grammozis, Frank Kramer, Mike Büskens, Thomas Reis, Karel Geraerts — und noch mehr Namen folgen bis 2026.