Unvergessliche Momente
5. Oktober 1996: Totenstille im Parkstadion
27.860 Zuschauer, kein Trompeter, keine Anfeuerungsrufe — nur die mitgereisten Karlsruher sind beim 0:1 zu hören.
Es ist ein merkwürdiger Tag auf Schalke. Eigentlich ist es am 5. Oktober 1996 ein ganz normales Bundesliga-Spiel gegen den Karlsruher SC (0:1). Aber: Es herrscht Totenstille.
Keine Anfeuerungsrufe, kein Trompeter, der in der Nordkurve des Gelsenkirchener Parkstadions zur berühmten „Attacke“ bläst.
Nur 27.860 Fans verlieren sich in der WM-Arena von 1974. Eigentlich sind fast ausschließlich die wenigen mitgereisten Karlsruher Zuschauer zu hören. Gespenstisch.
Das hat Gründe.
Zehn Papptafeln, ein Name: J-Ö-R-G B-E-R-G-E-R
Der Stimmungsboykott der Fankurve ist Protest gegen die Entlassung des populären Trainers nach dem Pokal-Aus in Bochum.
Unter der riesigen Anzeigentafel in der Schalker Fankurve ist der Grund für den Stimmungsboykott auf zehn Papptafeln abzulesen. J-Ö-R-G B-E-R-G-E-R. Der populäre Trainer ist nach einem 2:3 im DFB-Pokal gegen den Revier-Rivalen VfL Bochum vom Präsidium der „Königsblauen“ entlassen worden.
Auf der Trainerbank, besser auf dem Schleudersitz der Schalker, wo seit dem Wiederaufstieg 1991 mit Aleksandar Ristic, Udo Lattek, Helmut Schulte und Jörg Berger nun wirklich keine Nichtskönner gesessen haben, nimmt Co-Trainer Hubert Neu an diesem Samstag Platz.
Bergers verbrauchter Kredit trotz Europa-Rückkehr
Fünf Monate nach dem Sieg gegen Bayern und der UEFA-Cup-Qualifikation ist Bergers Schalker Kapital aufgebraucht.
Berger, so sagt man, soll sich mit dem Team heillos zerstritten haben. Zuvor hat der 2010 verstorbene Fußballlehrer den leck geschlagenen Traditionsklub von Rang 18 im Oktober 1993 erst vor dem Abstieg gerettet und dann in der Saison 1995/96 nach 18 Jahren Abstinenz wieder in den UEFA-Cup geführt. Es ist gerade fünf Monate her, dass Schalke mit einem 2:1 gegen den FC Bayern München nach Europa gerauscht ist.
Bergers Kredit ist im Oktober 1996 trotzdem aufgebraucht.
Er kann nur vier Pflichtspielsiege vorweisen. Einen davon in Runde 1 des UEFA-Cups gegen den niederländischen Klub Roda Kerkrade (3:0).
In Kerkrade sitzt der Nachfolger schon auf der Bank
Während Schalke trauert, coacht in Süd-Limburg der Mann, der den Klub umkrempeln wird: Hubertus Jozef Margaretha Stevens.
Was niemand ahnt: Bei Kerkrade, der Mannschaft aus Süd-Limburg, sitzt Bergers Nachfolger auf der Trainerbank. Vier Tage nach dem Trauer-Spiel gegen den KSC wird ein Mann auf Schalke auftauchen, der mit seiner kantigen, aber geradlinigen Art beim Traditionsklub vieles zum Besseren verändern wird. Sein Name ist bis dahin nur Kennern der niederländischen Fußballszene bekannt.
Es ist Hubertus Jozef Margaretha, genannt Huub Stevens.
Er ist als Spieler mit der PSV Eindhoven drei-mal niederländischer Meister und einmal UEFA-Cup-Sieger geworden, hat 18-mal für die „Elftal“ gespielt.
DFL-Lizenz-Check
S04 · GJ 2023-24Dramatische Wendepunkte
Assauers kalkulierter Griff nach dem Niederländer
Die Verpflichtung des No-Name-Trainers wirkt wie eine Hauruck-Aktion — ist aber das Werk eines strategisch planenden Managers.
Die Verpflichtung des No-Name-Trainers aus Holland scheint aus dem Nichts zu kommen. Eine neuerliche Hauruck-Aktion des 2019 verstorbenen Schalke-Machers Rudi Assauer? Seit 1. April 1993 ist „Assi“, das Alpha-Tier, einer der letzten Cowboys der Bundesliga, ein passionierter Zigarren-Raucher und Frauenschwarm mit Macho-Attitüde, wieder Manager auf Schalke.
Der Mann, der sich den königblauen Klub zur Lebensaufgabe gemacht hat („Entweder ich schaffe Schalke – oder Schalke schafft mich“), kann sich in dieser brisanten Situation keinen Fehlschuss erlauben.
Sommer 1995: Assauer mit Zigarre auf Stevens’ Trainingsplatz
Bei einem Freundschaftsturnier in Kerkrade fällt dem Niederländer ein rauchender Mann in kurzen Hosen auf.
Assauer weiß genau, was er tut. Er handelt strategisch, nicht instinktiv. Huub Stevens ist ihm schon viel früher aufgefallen, als allgemein angenommen wird.
Im Sommer 1995 trägt Schalke ein Freundschaftsspiel-Turnier bei dem seit 1993 von Huub Stevens betreuten Eredivisie-Klub Roda Kerkrade aus.
Mit dabei sind neben Roda und Schalke auch Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach. Der Niederländer wundert sich.
„Vor einem Spiel ging ein Mann in kurzen Hosen und mit Zigarre im Mund über den Platz, einfach zwischen den Spielern hindurch“, erinnert sich Stevens 2017 in seiner Autobiographie „ich habe noch gedacht: Was ist denn das für einer?“
Die Sauna-Idee — trotz Rangelei mit Charly Neumann
Assauer recherchiert Stevens nach und fasst den Entschluss in der Sauna — obwohl es im Rückspiel zur Rauferei kam.
Stevens findet heraus, dass sich Assauer über ihn informiert und Erkundigungen über ihn eingeholt hat. In der Sauna, so weiß der Niederländer, soll Assauer die Idee gehabt haben, ihn als Trainer zu verpflichten. Und das, obwohl Stevens sich im Rückspiel in Kerkrade (2:2) mit Schalkes Betreuer-Unikum „Charly“ Neumann eine handfeste Rangelei liefert.
Eddy Achterbergs Prophezeiung beim Abendessen
Stevens’ langjähriger Assistent sagt ihm den Schalke-Job voraus, bevor irgendjemand davon weiß.
Nachdem sich Schalke von Berger getrennt hat, scheint Stevens‘ langjähriger Assistenztrainer Eddy Achterberg hellseherische Fähigkeiten zu beweisen. „Dann wirst du neuer Schalke-Trainer“, prophezeit er seinem Chef beim Abendessen. Stevens blickt mit seinen dunklen, durchdringenden Augen auf: „Mach keine Witze, Eddy.“
„Assauer. Wenn du Lust hast …" — Anruf auf der Mailbox
Zwei Tage nach Achterbergs Vorhersage findet Stevens auf seinem Auto-Telefon die entscheidende Nachricht.
Zwei Tage später hört Stevens den Anrufbeantworter auf seinem Auto-Telefon ab – und vernimmt eine kurze, aber klar formulierte Nachricht. ,,Assauer. Wenn du Lust hast, Trainer auf Schalke zu werden, dann ruf mich doch bitte unter dieser Nummer an.“
Geheimoperation gegen die BILD-Reporter
Stevens hat Vertrag in Kerkrade, Assauer keine Zeit — der Wechsel muss unter dem Radar laufen.
Stevens ruft zurück. Er macht Assauer aber auch klar, dass er einen Vertrag bei Roda Kerkrade hat, den er eventuell verlängern will. „Damit hat das nichts zu tun“, kontert Assauer gewohnt einsilbig.
Er will den Wechsel unter der Decke halten.
Viel Zeit bleibt nicht. Die BILD-Reporter, die täglich auf dem Trainingsgelände herumlungern, werden nicht mehr lange brauchen, bis sie Lunte riechen.
Es muss also schnell gehen. Die Verpflichtung von Huub Stevens wird eine echte Assauer-Aktion.
Er bestellt den Niederländer an einem Sonntagmorgen zu einem Treffen nahe einer Autobahn im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. „Wir haben uns unterhalten und er teilte mir mit, dass er mich für zwei Jahre verpflichten möchte“, sagt Stevens, „das mit meinem Vertrag mit Roda würde er regeln.“ Er „regelt“ es mit einer Million Gulden Ablöse – umgerechnet 453.000 €. Stevens erhält auf Schalke die Chance seines Lebens.
Der Start geht mit einem 0:3 bei Werder Bremen aber komplett daneben.
„Die Null muss stehen" — Stevens schweißt das Team zusammen
Mit Disziplin, Nähe und einem 3-5-2-System macht Stevens aus Lehmann, Thon, Büskens und Mulder eine Einheit.
An Alphatieren mangelt es beim FC Schalke 04 dieser Tage nicht. Torhüter Jens Lehmann, der mächtige Mannschaftskapitän Olaf Thon, Mike Büskens oder Youri Mulder – Stevens muss alle wieder zu einer echten Einheit zusammenschweißen. Er tut dies mit viel Disziplin, aber auch mit menschlicher Nähe.
Stevens kennt jedes Detail, sogar alle Kindergeburtstage innerhalb der Mannschaft, ist immer Ansprechpartner für seine Spieler.
Er lebt den kollektiven Gedanken. Star-Rummel ist ihm ein Gräuel.
Und er sorgt für defensive Stabilität. „Die Null muss stehen“ – mit diesem Spruch aus der Pressekonferenz vor dem Viertelfinal-Hinspiel im UEFA-Cup beim FC Valencia, der zum geflügelten Wort wird, bringt Stevens es auf den Punkt.
Mit einem 3-5-2-System, das er der Mannschaft nach dem 1:3 in Köln und vor dem Rückspiel bei Trabzonspor in der 2. Runde des UEFA-Cup (3:3 / Hinspiel: 1:0) einimpft, schafft Stevens auf Schalke die Wende.
Ab dem 6. Dezember 1996 bleibt S04 in acht Pflichtspielen in Folge ohne Gegentor.
Der Fan-Gesang vom Weg ins UEFA-Cup-Finale
Roda, Trabzon, Brügge, Valencia, Teneriffa, Inter — die Stationen werden zur Hymne der Saison 1996/97.
„Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlugen Brügge sowieso, Valencia, Teneriffa, Inter Mailand – das war `ne Show“, werden die Schalker Fans am Ende beseelt singen. Über diese Stationen erreicht der FC Schalke 04 1997 mit Huub Stevens die Finalspiele im UEFA-Cup. „Diese Mannschaft wird in den Geschichtsbüchern auftauchen“, ist Olaf Thon schon nach dem Weiterkommen gegen Brügge Anfang Dezember sicher.
Sie wird als „Die Eurofighter“ für den größten Erfolg der Vereinsgeschichte stehen und den Gefühlsfriedhof Parkstadion des Oktobers 1996 in den Spielen gegen Valencia (2:0), CD Teneriffa (2:0 n. V.) und im Final-Hinspiel gegen Inter Mailand (1:0) zum Beben bringen. Im Rückspiel in San Siro greift Stevens nach 0:1 nach Verlängerung im Elfmeterschießen zu einem Trick. „Ich habe dem Torwart Jens Lehmann noch einen Zettel zugesteckt, auf dem stand, wie Inter schießen würde“, verrät er 2017, „in meinem Computer fanden sich Daten über alle Elfmeter, die ich seit meiner Zeit als Jugendkoordinator bei der PSV erfasst hatte.
Ich habe Notizen gemacht über den Anlauf, das Schussbein, wohin der Schütze schoss, aber auch wann und bei welchem Spielstand der Elfmeter geschossen wird.“
Eurofighter: Schalke gewinnt den UEFA-Cup 1997
Lehmann hält gegen Zamorano, Winter verschießt — 4:1 im Elfmeterschießen, 100.000 Fans feiern die Rückkehr.
Detailversessenheit, die sich auszahlt. Lehmann hält gegen Ivan Zamorano, Aron Winter verschießt ebenfalls. Schalke gewinnt mit 4:1 im Elfmeter-Krimi und ist UEFA-Cup-Sieger.
„Es ist ein Schalke, wie es perfekter nicht zum Mythos passen können“, bilanziert Fußballhistoriker Hardy Grüne in “Glaube, Liebe Schalke”, „ein zum Kampf und zur Arbeit fest entschlossenes Kollektiv ohne jegliches elitäre Gehabe.“ Ein Gesamtkunstwerk, für das Assauer und Stevens verantwortlich zeichnen.
100.000 Fans feiern die „Euro-Fighter“ bei ihrer Rückkehr. Die Mannschaft fährt in Cabrios durch das Parkstadion, der UEFA-Pokal ist natürlich bei Assauer und Stevens im Auto.
2001 und 2002 wird Schalke unter der Regie des ungleichen Duos auch den DFB-Pokal holen. „Schalke hat ihm wahnsinnig viel bedeutet“, schreibt Stevens 2017 über seinen zu diesem Zeitpunkt schon schwer Alzheimer kranken Freund Rudi Assauer, „auch wegen Assauer hat mir Schalke sehr viel bedeutet.
Er war es, der mich in Deutschland bekannt gemacht hat, indem er es gewagt hat, sein Glück mit einem niederländischen Trainer zu versuchen, der in Deutschland ein Nobody war.“