Ein Schiedsrichter, ein gescheiterter Macher, ein Leverkusener Dauertorschütze und ein Dortmunder Provokateur: Vier Namen, die in Gelsenkirchen bis heute nicht ungestraft fallen.
Markus Merk: der Schiedsrichter, dem Schalke das Finale 2001 nie verzeiht
Schalker Anhänger machen Markus Merk für die Nachspielzeit-Pfiffe in HSV–Bayern verantwortlich, durch die Schalke 2001 nur „Meister der Herzen" wurde.
Dr. Markus Merk: Gott vergibt, Schalke nie! Nicht wenige Schalker Anhänger geben dem Schiedsrichter aus Kaiserslautern die Schuld daran, dass ,,ihr“ S04 am Ende des Meisterschaftsfinales 2001 nur als ,,Meister der Herzen“ dasteht.
Ihrer Meinung nach hat Merk im so wichtigen Parallelspiel Hamburger SV – FC Bayern München (1:1) so lange nachspielen lassen, bis den Gästen von der Isar noch der rettende Ausgleichstreffer gelingt. Gerade den entscheidenden, vorangehenden Freistoßpfiff nach einer Rückgabe von Tomas Ujfalusi an HSV-Torhüter Matthias ,,Mattes“ Schober, einen Schalker Jung, nehmen sie Merk übel. Zehn Jahre lang macht Merk einen Bogen um die Schalke-Arena.
Erst 2011 ist er dort wieder als TV-Experte für den Sender Sky im Einsatz. ,,Ich weiß um die Emotionen – auch zehn Jahre danach! Ob ich mich darauf freue? Das wäre bestimmt der falsche Ausdruck“, sagt Merk zu FOCUS Online, „das wäre Heuchelei, das würde auch kein Schalker verstehen.“ Versteht ja auch keiner.
Es gibt Pfiffe, Bierduschen und Wurfgeschosse auf Dr. Merk – und bei Facebook fordern einige Unbelehrbare ,,lebenslanges Stadion-Verbot für Merk.“
Felix Magath: 32 Neuzugänge und der schlechteste Saisonstart seit 1967
Magath kommt 2009 als Wolfsburger Meistermacher nach Gelsenkirchen, kauft den Kader leer und scheitert ein Jahr nach der Vize-Meisterschaft an seiner Doppelrolle.
Der unnahbare Gottkaiser. Ex-Nationalspieler Felix Magath hat viele Bundesliga-Vereine trainiert. Seinen Herzensklub Hamburger SV, die Münchner Bayern, Werder Bremen.
Die Frankfurter Eintracht und den VfB Stuttgart rettet er 2000 beziehungsweise 2001 vor dem Abstieg, den VfL Wolfsburg macht er 2009 zum größten Sensationsmeister seit Kaiserslautern im Jahr 1998. Dann zieht der passionierte Schachspieler von Wolfsburg nach Gelsenkirchen weiter. Mit dem Meistermacher vom VfL, so glaubt man auf Schalke, ist den ,,Knappen“ der Erfolg garantiert. Magath kauft den halben Transfermarkt leer und holt insgesamt 32 neue Spieler zu S04, darunter Spieler wie Ali Karimi oder Angelos Charisteas, deren Anwesenheit er wohl nicht einmal selbst erklären kann.
Zunächst läuft es gut, 2010 wird er mit Schalke Vizemeister und erreicht die Champions League. 2010/11 legt Schalke mit Magath jedoch den schlechtesten Saisonstart seit 1967 hin – ein Sieg aus den ersten zehn Spielen – und der „Gottkaiser“, der sich als Trainer und Manager selbst kontrolliert, muss gehen. Auf Schalke atmet man auf. ,,Der Irrsinn der letzten Tage ist gestoppt“, frohlockt der Schalke Supporters Club in einem offenen Brief.
Ulf Kirsten, Thomas Linke und der Kabinengang-Eklat 1997
Leverkusens Torjäger trifft zehnmal in 18 Spielen gegen Schalke und provoziert mit einem Foul an Thomas Linke den legendären Wortwechsel zwischen Assauer und Daum.
Assauers Lieblingsfeind. Leverkusens Stürmerstar Ulf Kirsten ist der erfolgreichste Torjäger der 90-er Jahre – und ein personifizierter Schalke-Schreck. In 18 Bundesliga-Spielen gegen die Blauen trifft ,,Der Schwatte“ zehnmal.
Und einmal teilt er aus. Am 6. Dezember 1997, beim 0:0 in Leverkusen, leistet sich Kirsten einen Body-Check gegen den Schalker Thomas Linke, der vom Platz getragen werden muss. Das bringt S04-Manager Rudi Assauer im Kabinengang auf die Palme. ,,Unsportlichkeit, so was gibts gar nicht, das war eine Tätlichkeit“, poltert der 2019 verstorbene Schalke-Macher.
Leverkusens Coach Christoph Daum geht sofort steil und dazwischen: ,,Herr Assauer, bitte Contenance, bitte, bitte Contenance, okay, Sie haben selbst Fußball gespielt, aber wenn ich sagen würde, wie Sie gespielt haben, dann kann ich einiges erzählen.“ Assauer antwortet: ,,Ganz ruhig bleiben, Herr Daum, ruhig bleiben, Sie lernen von mir Fußball spielen!“ Legendär.
Kevin Großkreutz und die gepflegte Feindschaft per Instagram
Der Ex-Dortmunder pflegt eine offen ausgetragene Abneigung gegen Schalke und beschimpft S04-Fans im April 2019 öffentlich auf Instagram.
„Macht se einfach weg“, schreibt der ehemalige Dortmunder in einem Post im April 2019. „Ein Jahr kann man schon mal auf die Schalker verzichten.“ Und fährt auf Instagram fort: „Männer, stopft Ihnen am Samstag den Mund.“… „Ich kann die große Klappe im Internet nicht mehr hören. Überall werde ich markiert und beleidigt von den Affen.“ Der „Alpha-Kevin“ aus Dortmund und S04 – eine gepflegte Feindschaft auf derbem Niveau. Zumindest, was Kevin Großkreutz anbetrifft.
S04 — Financial Stability Score
Schalke ist das abschreckende Beispiel der Liga: Von CL-Halbfinale (2011) zu -104 Mio EK. Der Club zeigt was passiert wenn alle Minsky-Risiken gleichzeitig eintreten: Gehaltsexzesse, Transferfehler, Abstieg, COVID. Die Erholung dauert ein Jahrzehnt.
Tönnies-Rücktritt und das Gross-Intermezzo
Clemens Tönnies tritt im Juni 2020 als Aufsichtsratsvorsitzender zurück — nach dem Rassismus-Skandal, der 2019 begonnen hatte.
Clemens Tönnies tritt im Juni 2020 als Aufsichtsratschef zurück
Nach rassistischen Äußerungen auf dem „Tag des Handwerks" 2019 verlässt der Fleisch-Magnat im Sommer 2020 das Schalker Kontrollgremium.
Clemens Tönnies tritt im Juni 2020 als Aufsichtsratsvorsitzender zurück — nach dem Rassismus-Skandal, der 2019 begonnen hatte. Auf dem „Tag des Handwerks" hatte Tönnies mit rassistischen Äußerungen über Afrikaner für Empörung gesorgt. Der Fleisch-Magnat, der den Verein seit 2001 als Aufsichtsratsvorsitzender geführt hatte, verlässt Schalke unter denkwürdigen Umständen.
Christian Gross: drei Monate, vier Siege, ein Koffer voller Ideen
Schalke verpflichtet im Dezember 2020 den Schweizer als Retter; nach 14 Spielen und vier Siegen endet eines der kuriosesten Trainer-Engagements der Bundesliga.
Christian Gross wird im Dezember 2020 als Trainer verpflichtet — als vermeintlicher Retter in höchster Not. Der Schweizer, einst beim FC Basel und Tottenham Hotspur erfolgreich, wirkt in Gelsenkirchen von Beginn an wie ein Fremdkörper. Bei seiner Vorstellung mit einem Koffer voller Ideen präsentiert er sich unbeholfen.
Nach drei Monaten und vier Siegen in 14 Spielen ist Schluss. Das Intermezzo bleibt als eines der kuriosesten Trainer-Engagements in der Bundesliga-Geschichte in Erinnerung.